Gedenkfeier zum 9. November 2018

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Bild Beitrag GedenkfeierOft wird der 9. November als Schicksalstag der Deutschen bezeichnet. Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte sind mit diesem Datum verbunden. Beispielsweise wurde an diesem Tag 1918 in Berlin die deutsche Republik ausgerufen. 1936 entfernten die Nationalsozialisten das Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy vor dem Leipziger Gewandhaus. Er entstammte einer jüdischen Familie. Eines der erfreulichen Ereignisse war 1989 der Fall der Berliner Mauer. Der wohl schwärzeste Tag war 1938, als in der sogenannten „Reichskristallnacht“, später „Reichspogromnacht“, die systematische Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden begann, als Synagogen brannten und jüdische Geschäfte zerstört wurden.

Zum 9. November 1938 - 80 Jahre danach - fand im evangelischen Gemeindehaus in Heideck wie schon des Öfteren eine Gedenkfeier statt, die vom Claus Raumberger Ensemble und weiteren Mitwirkenden gestaltet wurde. Im vollbesetzten Gemeindesaal lauschten die Zuhörer zu Beginn dem wehmütigen Klarinettensolo „Ghetto“, das Claus Raumberger vom Foyer aus erklingen ließ. Später bewies er auch auf dem Sopransaxophon sein musikalisches Können. Weitere Instrumentalisten waren seine Frau Renate (Kontrabass), Kristian Dittmar (Klarinette und Tenorsaxophon), Manfred Schmiedkunz (Keyboard und Akkordeon), sowie Udo Reichert (Schlagzeug). Eine besondere Note verlieh der Feier die Sängerin Juliane Ossadnik, die zusätzlich die Klarinette und das Tenorsaxophon beherrscht.

Renate Raumberger fragte, was wohl geschehen würde, wenn wir uns, wie manchmal gefordert wird, nicht mehr an die Geschehnisse vor 80 Jahren erinnern würden. Dr. Reinhard Spörl bezeichnete es als unfassbar, was damals geschehen ist. Die rhythmisch gespielte Klezmer-Weise „Dance, Dance“ folgte. Der Begriff Klezmer steht im modernen Hebräisch für den Ausdruck „Musikanten“. Es handelt sich um weltliche jüdische Musik, die sich an religiösen Traditionen orientiert und vor allem bei Festen gespielt wird. In ihren Melodielinien erinnert die Klezmermusik an die menschliche Stimme. Dabei findet ein häufiger Wechsel zwischen Dur und Moll statt.

Heidecks zweiter Bürgermeister Dieter Knedlik sagte, dass es am 9. November zu spät gewesen sei, um den schrecklichen Vorgang der Weltgeschichte noch aufzuhalten. Aber auch die heutige Sicherheit sei trügerisch, denn Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus nähmen zu, nicht nur in Deutschland. Die heute lebenden Juden bedürften unserer Solidarität. Da müsste jeder bei sich selber anfangen. Er bezog sich auf ein Zitat von Kofi Annan: „Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“
Tanya Heumann und Gerhard Wendler lasen die erklärenden Texte zu den dargebotenen Musikbeiträgen. Im Klezmer „Shpiel she mir - Spiel mir ein kleines Lied auf Jiddisch“, wird die Sehnsucht nach einem Leben ohne Seufzer und Tränen laut, nach einer Welt ohne Streit und Krieg.

Nun aber erklang ausdrucksstark die bezaubernde und ergreifende Stimme von Juliane Ossadnik, als sie „Ojfn Pripetschik brent a Fajerl – In dem Ofen brennt ein Feuer“ sang. Ein Lied über einen Rabbi, der die Kinder das Alphabet lehrt. Noch mehrmals begeisterte Juliane Ossadnik mit ihrem Gesang, etwa bei „Still, die nakht is oysgeshternt – Still, die Nacht ist voller Sterne“ und „Shtiler, shtiler“. Es ist ein ungewöhnliches Wiegenlied, in dem eine Mutter das Schicksal von 4000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern schildert, die am 5. April 1943 in Ponar beim litauischen Wilna ermordet wurden. Andächtig, stehend und ergriffen lauschten die Besucherinnen und Besucher der Gedenkfeier diesem innig interpretierten Lied. Juliane Ossadnik ist zumindest in Schlossberg bestens bekannt. Im zweijährigen Turnus erfreut sie in der dortigen Heiliggeist-Kirche mit Marienliedern. Nächsten Mai wird es wieder soweit sein.

In der instrumental interpretierten „Todesfuge“ wir der Tod als „ein Meister aus Deutschland“ beschrieben. Ein Gedenken galt dem evangelischen Pfarrer Werner Sylten, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus dem Amt verdrängt wurde und schließlich im August 1942 vergast worden ist.

Stadtpfarrer Dr. Josef Schierl erinnerte daran, dass jeder Mensch kostbar und einmalig ist. Er mahnte dazu, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Der aaronitische Segen ist der älteste überlieferte Segenspruch der Bibel, der bis heute im Gottesdienst des Judentums wie des Christentums gesprochen wird: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Bevor ihn Stadtpfarrer Schierl erteilte, bat er: „Herr, begleite unser Volk und Vaterland in die Zukunft.“ Aber die Feier sollte auch ein etwas fröhliches Ende finden. Dafür sorgte das Claus Raumberger Ensemble mit dem Klezmer „A freylikh nahkt - Eine fröhliche Nacht“.