600 Jahre Kapell - Klezmermusik war voller Erfolg

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Die Auftaktveranstaltung zu „600 Jahre Kapell in Heideck“, die an die Weihe der Frauenkirche vor 600 Jahren erinnert, wurde vom Claus-Raumberger-Ensemble gestaltet. Passend zur Woche der Brüderlichkeit, die seit 1952 von den Gesellschaften für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit begangen wird, interpretierte das Ensemble in der Frauenkirche Klezmer-Musik. Das ist eine aus dem aschkenasischen Judentum stammende Volksmusiktradition, die sich an weltlicher, nichtliturgischer jüdischer Musik, aber auch an religiösen Traditionen orientiert. Viele berühmte Komponisten wurden von diesem Musikstil inspiriert. Als bekanntestes Beispiel gilt das Klarinetten-Glissando am Anfang von George Gershwins Rhapsody in Blue. In den 1970ern kam es zu einem Klezmer-Aufleben in den USA und in Europa. In ihren Melodielinien erinnert die Klezmermusik an die menschliche Stimme. Dabei findet ein häufiger Wechsel zwischen Dur und Moll statt.

Das Konzert in der Kapell begann mit dem klagenden „Ghetto“, eine der rumänischen Volksmusik entstammenden Weise und mit der lebhaften Tanzmelodie „A freylikh nakht in garden eydn – Eine fröhliche Nacht im Paradies“.

Bürgermeister Ralf Beyer begrüßte die Besucher, die trotz der ungemütlichen Witterung in die recht kühle Kirche zum Eröffnungskonzert gekommen waren. Die Kapell sei lange Zeit ein Symbol für die Ökumene in Heideck gewesen, erinnerte sich der Bürgermeister. Kreisheimatpflegerin Eva Schultheiß, Monika Kauderer vom Arbeitskreis Tourismus und Renate Raumberger hatten die Idee gehabt, das Kapelljubiläum gebührend zu begehen. Federführend für die Organisation der Veranstaltungsreihe war Monika Kauderer. Er, Beyer, wünsche sich, dass die kulturellen Veranstaltungen in Heideck wieder aufleben sollten.

Monika Kauderer führte durch das Programm und kündigte als nächstes zwei langsame Weisen an, nämlich „Baym Rebin’s Sude“ - „Am Tisch des Rabbiners und „Tants, yiddelekh, tants!“, ein jiddischer Tanz. Das Claus-Raumberger-Ensemble wird vom Namensgeber geleitet, einem Virtuosen auf der Klarinette und dem Sopransaxofon. Seine Ehefrau Renate, beide wohnen im Heidecker Ortsteil Schlossberg, steht am Kontrabass. Kristian Dittmar (Klarinette), Heinz Horst (Akkordeon) und Udo Reichert (Schlagzeug) ergänzen das Ensemble. Aus Heilbronn war die Sopranistin Juliane Ossadnik gekommen, die nicht nur mit ihrer sympathischen und wandelbaren Stimme das Publikum begeisterte, sondern auch das Saxofon meisterhaft beherrscht.

Wehmütig ging es im Programm weiter mit „Shpil-she mir a Lidele in Jiddisch“ und mit dem religiös-meditativen „Nigun“, zu dem Claus Raumberger eine zweite Klarinettenstimme geschrieben hat. In einem Ghetto hat Hans Glik das Lied „Shtil, die nakht is oysgesternt – Still, die Nacht ist voller Sterne“ verfasst. Diese getragene Weise wurde einfühlsam und mit wehmütigem Unterton von Juliane Ossadnik vorgetragen.

Zwischendurch lasen Anne und Manfred Klier jüdische Märchen, sowie Geschichten aus dem „Stetl“, dem „Städtlein“. Das ist die Bezeichnung für Siedlungen in Osteuropa mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil. Da wurde beispielsweise eine jüdische Hochzeit mit all ihren Bräuchen geschildert. In einem Märchen verkaufte eine Rabbi seine Tochter an einen Prinzen. Und schließlich wurde die hässliche Sara Goldblatt mit einem Blinden vermählt, dem man Saras Schönheit in den höchsten Tönen gepriesen hatte.

Mit ihrer klangvollen und bezaubernden Stimme schilderte die Sängerin Juliane Ossadnik die gemütliche Stube, in der ein Rabbiner die Kinder das Alphabet lehrt: „Oifm Pripetschik brent a Fajerl – Im Ofen brennt ein Feuer“. Rhythmisch und mitreißend wurde vom Ensemble „Dance of delight“ dargeboten. „Tumbalalaika“ erzählt von einem jungen Mann auf Brautschau. Diese Melodie war vor Jahren sogar im Schlagerbereich vertreten. Diesmal war Juliane Ossadnik die authentische Interpretin. Merkwürdig ist der Titel „7:40 A.M.“, der nach der Abfahrtzeit eines Zuges aus der Stadt Jaffa benannt ist. Der bekannte Klarinettist Giora Feidmann hat diese schnelle Komposition in sein Repertoire aufgenommen. Der stampfende Rhythmus der dahineilenden Dampflokomotive war unschwer herauszuhören, bis sie schließlich allmählich in den Bahnhof einfuhr. Der „Kishiniever Bulgar“, benannt nach dem bessarabischen Moldawien, zeigt zwar russisches Flavor, erinnert aber in seiner lebhaften Art auch ein wenig an fränkische Volksmusik. Der Titel „Donna, Donna“ wurde 1940 vom jüdisch-amerikanischen Komponisten Sholom Secunda geschrieben. Während der Flower-Power-Zeit wurde er bei uns als Schlager bekannt. Einem verhaltenen Beginn folgte dieses innig und ergreifend vorgetragene Lied. „Heyser Bulgar“ war ein Glanzstück im Repertoire des jüdischen Klarinettisten Naftule Brandwein gewesen. Leider hatten seine Trinkgewohnheiten seinem Namen alle Ehre gemacht. Andererseits war er, obwohl ihm eine konventionelle Ausbildung fehlte, zum Klarinettenstar der Klezmermusik aufgestiegen. Er soll nicht gerade ein Adonis gewesen sein, trotzdem seien Frauen bei seinen Auftritten regelmäßig in Ohnmacht gefallen.

Kürzlich war die neue Synagoge in Regensburg eingeweiht worden. Bei diesem freudigen Anlass erklang der fröhliche Freylekh „Od Yishama“, hier beinahe fetzig interpretiert. Der „Jewish Wedding Song Mazel tov“ ist ein lebhafter musikalischer Glückwunsch zur Hochzeit. Das Wort „Massel“ wird auch im deutschen Sprachgebrauch verwendet, etwa dann, wenn man „Massel“, also Glück gehabt hat. Umgekehrt kann man auch etwas vermasseln. Das Swingarrangement „Baj mir bistu scheijn! – Bei mir geht’s dir gut“, bei dem Claus Raumberger ein ums andere Mal auf der Klarinette brillierte, leitete zu den Dankesworten von Bürgermeister Ralf Beyer über.
Er freute sich über die Anwesenheit der beiden Ortsgeistlichen Pfarrerin Beate Krauß und Stadtpfarrer Dr. Josef Schierl. Beyer lobte die hervorragende Akustik dieser schönen Kirche, in der „tolle Musiker und eine gigantische Stimme eine perfekte Leistung“ gezeigt hätten. Das sei ein hervorragender Auftakt zu der Veranstaltungsreihe 600 Jahre Kapell gewesen.

Mitklatschen, mitsingen oder einfach nur zuhören durfte man bei „Havenu shalom alachem – Möge der Friede mit euch sein“, mit dem das besinnliche, aber auch heitere Konzert, von Könnern ihres Fachs interpretiert, ausklang.
Stadtpfarrer Dr. Josef Schierl erinnerte anschließend daran, dass Maria und natürlich auch ihr Sohn Jesus Juden gewesen waren. Das sollte man gerade heute im Zeichen eines wachsenden Antisemitismus immer wieder bedenken. Musik könne ein Brückenschlag zwischen den Konfessionen sein. Ein solch schönes Beispiel dafür sei das heutige Konzert gewesen. Für die Zukunft wünschte er „Mazel Tov! – Viel Glück!“

Der stehende, lange anhaltende Applaus der begeisterten Konzertbesucher hatte nach einer Zugabe verlangt. Mit der „Fröhlichen Nacht im Paradies“ entließ das Claus-Raumberger-Ensemble die Zuhörer hinaus in die sturmumtoste Nacht.
In ähnlicher Form wurde dieses Konzert am Sonntag in der evangelischen Kirche Rednitzhembach aufgeführt. Am 15. März wird es um 19 Uhr in der katholischen Kirche in Roth erklingen. Der Eintritt ist frei.
Am 12. Mai werden in der Schlossberger Kirche wieder Marienlieder zu hören sein, gesungen von Juliane Ossadnik.

Die Veranstaltungsreihe zur Weihe der Heidecker Frauenkirche wird am Sonntag, dem 24. März 2019 fortgesetzt. Dann wird die Schola Heideck den Adonai-Kreuzweg musikalisch und visuell gestalten.